Günther Baumann: „Die Kammern können eine ganze Menge tun!“


foto-10-baumannBurkhard Plemper: Die Wirtschaft ist natürlich auch noch auf ganz andere Weise berührt, denn auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Verwandte, die vielleicht pflegebedürftig sind und kommen in die Situation, dann eben nicht mehr voll am Arbeitsplatz dabei zu sein - zumindest mit den Gedanken. Bei mir ist Günther Baumann, Unternehmer und Präsident der Industrie- und Handelskammer Stuttgart. Herr Baumann: Wir hören viel von Unternehmen, die familienfreundliche Betriebe sein wollen und es dann auch tatsächlich sind. Sie sind flexibel, wenn Arbeitnehmer sich als Eltern um ihre Kinder kümmern müssen - nimmt das nicht ab und die Zahl derer nimmt zu, die pflegebedürftige Angehörige zu Hause haben?

Günther Baumann: Herr Plemper, ich muss gestehen, dass die Wirtschaft ganz generell gesprochen sich mit dem Problem Demenz in der Vergangenheit wenig beschäftigt hat. Wir haben uns gekümmert um die jungen Menschen mit der Ausbildung, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber jetzt lernen wir natürlich auch, dass die jungen Eltern auch selbst Eltern haben und da dann plötzlich der Fall einer Demenz eintreten kann. Und das Problem ist dann, wie wir bei uns in den Unternehmen immer wieder sehen, dass so etwas dann sehr plötzlich auftritt, also nicht wie ein Kind, das geplant ist. Es tritt also sehr plötzlich auf und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leben oft nicht am Ort, wo die Eltern leben. Deshalb haben wir heute folgende Regelungen, die ja wohl allgemein bekannt sind: Für den akuten Fall kann jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin sich unbezahlt 10 Tage frei nehmen, um eine erste Organisation zu übernehmen.
Dann gibt es die Möglichkeit, ein halbes Jahr unbezahlt freigestellt zu werden mit der Zusicherung unserer Unternehmen, dass sie dann wieder in den Beruf hineinkommen. Das klingt im ersten Moment sicher ganz schön. Aber wir als Unternehmen machen uns natürlich schon Gedanken, wie wir den Mitarbeitern mit mehr Flexibilität in den Arbeitszeiten in solchen Fällen entgegenkommen können. Wie können wir auch in der sogenannten Freistellungsphase dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin helfen, dass sie im Beruf bleibt, damit sie dann später ihre Arbeit wieder aufnehmen kann?

Burkhard Plemper: Dies ist wirtschaftlich gesehen ja vorsichtig gesagt eine Situation, die nicht ganz einfach ist. Viele Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Herrscht denn in den Unternehmen ein Klima, in dem ich für mich das Recht in Anspruch nehmen kann, mich jetzt um meine Angehörigen zu kümmern?

Günther Baumann: Wie ich schon sagte, das ist möglich, aber wie es eben in den Unternehmen immer ist, die aktuellen Probleme, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin ausfällt, schafft vor allem in kleinen Unternehmen meistens große Probleme. Deshalb gibt es ja auch in kleinen Firmen, also unter 15 Mitarbeitern, diese Möglichkeiten nicht ohne Weiteres. Aber in größeren Unternehmen müssen wir versuchen, es zu regeln, weil wir merken, dass dieses Problem stärker wird und wir leiden letzten Endes ja auch langfristig - ich will jetzt nicht auf die aktuelle Konjunkturproblematik eingehen - aber wir leiden langfristig unter dem Problem, Fachkräfte in Unternehmen zu haben oder zu bekommen. Und deshalb müssen wir hier auch einiges tun. Ich kann zum Beispiel sagen, dass mein Unternehmen zusammen mit zwei anderen Unternehmen hier am Ort einen Mitarbeiter der AOK bezahlt, so dass Mitarbeiter einfach mit dem Betriebsausweis hingehen und sich Rat holen können. Sie erhalten dort eine kostenlose Beratung.

Burkhard Plemper: Ich möchte Sie noch in einer anderen Funktion ansprechen. Unternehmen, Unternehmer, Unternehmerverbände, Industrie- und Handelskammern können ja auch als gesellschaftliche Gruppe etwas tun. Sie sind nicht nur im Umgang mit Ihren Mitarbeitern gefordert, sondern eben auch in dem Punkt, sich zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung zu stellen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Was können Sie in dem Bereich tun? Können Sie Gruppen unterstützen? Können Sie dafür sorgen, dass das Thema auf die Tagesordnung kommt?

Günther Baumann: Ich glaube, die Kammerorganisation kann da eine ganze Menge tun. So wie sie bisher bei der Jugend für die Ausbildung oder bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie Arbeitsgruppen aufgestellt hat, Hinweise und Beratungsangebote gemacht hat, so können wir das in Zukunft auch mit den Fragen der Demenz und dieser Problematik tun. Und das wird jetzt auch in den Kammern schrittweise umgesetzt.

Burkhard Plemper: Sie haben hier ein aufmerksames Publikum ich sage Ihnen, die Leute kommen und schauen, was daraus geworden ist. [Applaus]

Günther Baumann: Sie sind herzlich eingeladen; die Kammern stehen da schon zu ihrem Wort!

 

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